Ein Blick für viele Perspektiven – Tina Kowalzik promoviert in der Sportdidaktik, unterrichtet an einer Grundschule und engagiert sich bei der Potsdam Graduate School

Den eigenen Körper kennenlernen und erfahren, wie er sich in Bewegung verhält – das ist nur eine von vielen Fragen, die Tina Kowalzik so brennend interessieren, dass sie darüber an der Uni Potsdam promoviert. „Viele haben in der Schule die negative Erfahrung gemacht, dass sie zum Beispiel im Hochsprung schlecht waren und wurden damit allein gelassen.“ Das möchte die 27-Jährige ändern. „Sportliche Leistungsunterschiede sind normal, man kann aber anders darüber nachdenken und reden – einerseits also schauen, warum etwas nicht geklappt hat, andererseits feststellen, dass man zwar nicht hoch springt, dafür aber die Rolle vorwärts gut kann.“

Die Sportwissenschaftlerin will das lange eingeübte Leistungsdenken überwinden – zumindest im Unterricht der Grundschulen. Heute müsse der Fokus auf sogenannter Mehrperspektivität liegen. Das bedeutet, dass neben der Leistung auch Gesundheit, Gestaltung, Körpererfahrung, Wagnis und Kooperation eine Rolle spielen. Um herauszufinden, inwiefern das im Lehrplan vorgeschriebene Prinzip in der Praxis bereits umgesetzt wird, hat sie eine Fragebogenstudie mit Sportlehrerinnen und -lehrern in Brandenburg durchgeführt.

Ihre Doktorarbeit schreibt sie am Arbeitsbereich „Fachdidaktik Sport unter Berücksichtigung der Primarstufe“. Neben ihrer Teilzeitstelle an der Uni arbeitet sie mit einer weiteren halben Stelle an der „Neuen Grundschule Marquardt“, einer privaten Einrichtung. „Mir ist wichtig, neben der wissenschaftlichen Arbeit an der Uni auch konkrete Erfahrungen an einer Schule zu sammeln – mit Blick auf eine spätere Didaktik-Professur.“

Die Schule hat sie sich nach einem Semester an einer deutschen Auslandsschule in Genf gezielt ausgesucht. „Ich finde das Multilinguale so cool.“ Die Schule in Marquardt bietet ab der ersten Klasse fünf Stunden Englisch, ab der dritten Klasse zusätzlich Französisch und Spanisch an. Und sie hat Glück: „Die Schule ist sehr offen dafür, dass ich promoviere und noch einen anderen Job habe.“ Also unterrichtet sie dort in der ersten Wochenhälfte – so dass sie in der zweiten Zeit für die Uni hat.

Die gebürtige Berlinerin ist im östlichen Brandenburg aufgewachsen und hat sich bereits früh für den Beruf als Lehrkraft interessiert. „Als wir in der 8. Klasse nach Unis recherchieren mussten, habe ich gelesen, dass die Uni Potsdam eine gute Lehrer-Ausbildung macht. Da habe ich festgelegt, dass ich hier studieren werde.“ Weil sie in Strausberg Kinder im Rhönrad-Turnen trainierte, wusste sie früh, dass sie sich beim Unterrichten auf die Kleinen konzentrieren wollte.

Tina Kowalzik hat Mathematik und Sport studiert: „Mathe, weil ich in der Grundschule eine Rechenschwäche hatte und mir beweisen wollte, dass ich es trotzdem schaffe“, sagt sie lachend. „Und auch in Sport war ich nie die Beste. Aber es hat mir Spaß gemacht, den Kindern etwas beizubringen.“ Bereits ab der 9. Klasse trainierte sie drei Jahre lang für die Sporteignungsprüfung. „Deshalb habe ich zwischen Abi und Studium keine Pause gemacht. Und ich bin sehr froh mit meiner Mathe-Sport-Kombi.“ Zwar sei Mathe bei den Kindern verrufen, „aber wenn man außerdem Sportlehrerin ist, finden die das super. Man hat einen ganz anderen Zugang zu ihnen.“ 

Beim Promovieren hat ihr das Angebot der Potsdam Graduate School geholfen. „Als ich bei meiner Juniorprofessorin Esther Pürgstaller angefangen habe, gab es nur uns beide und auf dem Flur sonst niemanden, der gerade promoviert hat.“ Sie nahm daher ein Jahr lang am Promotionscoaching der PoGS teil, besuchte Workshops und lernte Gleichgesinnte kennen. 

Seitdem engagiert sie sich als eine von zwei ehrenamtlichen Kräften in der Promovierendenvertretung der PoGS. „Bislang wurden die Promovierenden an der Uni Potsdam immer ein bisschen vergessen“, kritisiert sie. Mittlerweile habe sich das geändert: „Wer uns googelt, kann Hilfe bekommen, wenn etwas mit der Betreuung, der Promotionsstelle oder der Finanzierung nicht klappt.“ Tina Kowalzik sich außerdem mit dafür eingesetzt, dass die Uni ab 2026 selbst eine solche Einrichtung mit zwei Vertretern aus jeder Fakultät auf die Beine stellen muss. 

Für die PoGS findet die Doktorandin viel Lob: „Sie hat für alles ein Angebot – ob es ums Schreiben, Publizieren oder um Wissenschaftskommunikation geht.“ Allerdings brauche man Zeit, um das wahrzunehmen. „Das können meist nur Promovierende, die eine volle Stelle haben. Und das ist selten.“ 

Mit 28 will Tina Kowalzik fertig sein – dann hat sie sechs Jahre an ihrer Arbeit gesessen. Langfristig denkt sie an eine Professur, nimmt sie doch gerne wissenschaftlich Einfluss. Die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit will sie ans brandenburgische Bildungsministerium herantragen, um den Rahmenlehrplan zu ergänzen und den Unterricht zu verbessern. „Warum arbeiten manche Lehrkräfte nicht multiperspektivisch? Was stört sie daran? Was sind die Herausforderungen?“ Das seien zwar nur Kleinigkeiten, sagt sie bescheiden. „Es geht aber darum, wie man Lehrerinnen und Lehrern unterstützen kann.“ 


Die Potsdam Graduate School (PoGS) ist das Kompetenz- und Beratungszentrum für Forschende in der Qualifizierungsphase. Nach dem Motto „Fördern. Weiterbilden. Vernetzen“ unterstützt sie Promovierende, Postdocs sowie Junior- und Tenure-Track-Professor*innen durch finanzielle Förderung, zielgruppenspezifische Weiterbildungen sowie Beratungs- und Vernetzungsangebote für Karrieren in und außerhalb der Wissenschaft. 2026 feiert die PoGS, die ihren Sitz in der Wissenschaftsetage hat, ihr 20-jähriges Jubiläum. Mit Veranstaltungen u.a. zu KI & Innovation, Wissenschaftskommunikation und Research Integrity besucht sie die verschiedenen Campus der Uni Potsdam.

https://www.uni-potsdam.de/de/pogs/vernetzen/20-jahre-pogs 

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.